Abstiegsfrage 1943/44
Affäre Heiduschka
(Dokument des Wr. Sportclub)

In der 1951 vom ÖFB herausgegebenen „Geschichte des Fußballsports in Österreich“ (vgl. S. 236)  ist lediglich davon die Rede, dass 1944 die kriegsbedingten Verkehrsschwierigkeiten zur „Umgruppierung“ der Vereine und damit zur Gründung der Gauklasse Wien geführt hätten. Die „Affäre Heiduschka“ bleibt dagegen völlig unerwähnt. Wie schrieb schon der Verfasser der Sport- Am 30.04.1944 verlor der Sport-Club das letzte Meisterschaftsspiel der Saison 1943/44 gegen den FAC am Wacker-Platz vor 14.000 Zusehern mit 1:2. Da Wacker im zweiten Spiel der Doppelveranstaltung den LSV Markersdorf mit 4:3 besiegte, nahm der Sport-Club in der Tabelle den 9. und letzten Platz ein und wäre damit zum ersten Mal in seiner Geschichte zum Abstieg verurteilt gewesen.

 

Doch es kam anders. Die von Ing. Ernst, dem damaligen Klubsekretär, verfasste Chronik berichtet über die Ereignisse des Sommers 1944 wie folgt: „Sogleich mit dem Endspiele der Fußballmeisterschaft 1943/44 setzten die Bemühungen der Vereinsführung ein, dem WSC aufgrund seines Alters und seiner Tradition entgegen den Bestimmungen .............. doch noch den Verbleib in der Gauliga Wiens zu erwirken. Mehrfache Umstände kamen diesen Absichten zu Hilfe, sodass es sich erübrigte, irgendwelche offizielle Proteste einzureichen:

  1. Bereits vor Entscheidung der letzten Spiele hatte sich Wacker, als dieser Verein in ziemlich aussichtsloser Position an zweitletzter Stelle lag, dafür interessiert, daß bei FC Wien in den meisten Spielen ein Halbjude namens Heiduschka mitgewirkt hatte und wurde diese Angelegenheit stadtbekannt und demzufolge von Männern der NSDAP aufgegriffen und ohne unser Zutun nach Berlin zur Entscheidung vorgelegt, ob diesem Verein die unter Mitwirkung dieses Spielers erwirkten Resultate anzuerkennen sind.
  2. Unter diesen Umständen setzte sich auch die Presse wärmstens für unseren Verein ein und warb durch entsprechende Artikel für eine Änderung der Abstiegsfrage bzw. Regelung des Aufstieges und Erhöhung der Teilnehmerzahl, umso mehr als zufolge der Kriegsereignisse letzter Zeit die Nichtabhaltung der deutschen Meisterschaft und der Tschammer-Pokalspiele bereits so gut wie beschlossen war. ....................................... .
  3. Durch die Neueinführung der Gauklasse auch für die Ostmark, wodurch Wien ein selbstständiger Gau auch in sportlicher Hinsicht werden sollte, wäre die Luftwaffensportvereinigung Markersdorf zur Teilnahme an der Meisterschaft des Gaues Niederdonau gezwungen und somit für Wien auszuscheiden gewesen, umso mehr als bereits im vergangenen Jahre der LSV Markersdorf im Tschammerpokal tatsächlich schon im Gau Niederdonau und nicht in Wien gespielt hatte.
  4. Die Gauklasseneinteilung machte auch das vorgesehene Aufstiegsturnier zur Ermittlung des Provinzvereines, welcher neu in die Gauklasse Wiens hätte aufsteigen sollen, überflüssig und wäre somit nur Admira-Wien, welche Rapid-Oberlaa bereits besiegt hatte, aufstiegsberechtigt anzusehen gewesen und somit auch nur ein Verein (Steyr) dem Abstieg verfallen, womit die Zahl 10 für Wien erhalten geblieben wäre.

 

An die Lösung dieser Fragen traute sich anscheinend keine der bezüglichen Stellen heran und so wurde die Sache sehr zum Leidwesen des WSC und seiner Führung baumeln gelassen, bis der Beginn der neuen Saison 1944/45 am 03.09.1944 dazu zwang, endlich eine Entscheidung zu treffen. Diese fiel seitens des Gaufachamtes Wien ............. dahin aus, dass, um keinem weh zu tun, in diesem Jahre im Gau Wien 11 Vereine spielen sollten, wobei Markersdorf und der WSC in der Gauliga verbleiben ............. und Admira wohlverdient und Rapid-Oberlaa gnadenweise aufsteigen sollten. Nun schien alles in Ordnung, doch da schaltete sich im letzten Augenblick Berlin ein und versagte dem LSV Markersdorf die Teilnahme an der Wiener Gauliga.“ 

 

Besonderen „Trost“ hatte der WSC anläßlich des vermeintlichen Abstiegs aus der obersten Klasse  vom „Völkischen Beobachter“ erfahren. Am 03.05.1944 fand ein Franz Hutter unter dem Titel „Einer der Ältesten“ lobende Worte für den Klub, nannte ihn einen „Sportpionier auf breitester Grundlage“ und stellte die unrichtige Behauptung auf, daß der WSC „als einziger Wiener Sportverein aus eigenem völkischen Empfinden den Arierparagraphen eingeführt“ habe. Der Artikel schloss mit dem Ausdruck der Hoffnung, dass die „traditionsbeschwerten, in Dornbach beheimateten schwarz-weißen Farben übers Jahr wieder in unserer höchsten Klasse zu begrüßen“ sein werden. Der Artikel dürfte auf eine persönliche Vorliebe des Verfassers für den WSC, nicht auf eine vorgegebene Linie zurückzuführen gewesen sein. Dafür spricht der einleitende Satz: „Mag man es Zufall oder sonstwie nennen, just einen Tag, nachdem in Meidling sich das Fußballschicksal gegen den Wiener Sportklub ausgesprochen hat, kam uns jene Gedenkschrift in die Hände, mit der in Silber, Schwarz und Weiß der Wiener Sportklub 1933 seines 50jährigen Bestandes gedachte.“ Just jene Gedenkschrift enthält herzliche Geleitworte prominenter Christlichsozialer, darunter des damaligen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß, der ein Jahr später, am 24.07.1934, vom dafür hingerichteten obersten „Blutzeugen“ des Wiener Nationalsozialismus, Otto Planetta, erschossen werden sollte.

 

Am 17.05.1944 berichteten die Wiener Neuesten Nachrichten, dass der Gausportführer dem FC Wien jene acht Punkte aberkannt hätte, die unter Mitwirkung des „Halbjuden“ Leopold Heiduschka errungen worden wären. Dies hätte zur Folge gehabt, dass der FC Wien statt des Sport-Club den letzten Platz in der Tabelle eingenommen hätte und aus der Gauliga abgestiegen wäre.

 

Doch am 18.07.1944 stand in der Illustrierte Kronen Zeitung unter dem Titel „FC Wien bleibt oben“ folgendes zu lesen: „Das Reichsfachamt Fußball hat sich mit dem Einspruch des FC Wien gegen die Aberkennung der Meisterschaftspunkte aus all jenen Spielen, bei denen Leopold Heiduschka mitgewirkt hat, befasst. Dem Standpunkt der Favoritner wurde zugestimmt, sodass die Tabelle der Oberklasse wieder in den alten Stand versetzt werden mußte. Damit nimmt der FC Wien mit 16:6 Punkten hinter Wiener AC, Floridsdorfer AC und Vienna den vierten Platz ein, während der Wiener Sportklub abermals mit 9:23 Punkten an der letzten Stelle zu finden ist. Zu Beginn der Meisterschaft 1943/44 wurde der Modus festgelegt, dass zwei von den zehn Vereinen der Oberklasse am Schluss des Wettbewerbes auszuscheiden haben. Die Steirer Amateure haben die Konkurrenz nicht durchgestanden und sind vorzeitig zurückgetreten. Von den neun verbliebenen Mannschaften müsste demnach nur eine absteigen, während zwei Vereine, die sich aufgrund eines Aufstiegsturniers hiefür qualifizieren, neu hinzutreten sollen. Es ist aber schon wegen der Verkehrslage kaum anzunehmen, dass dieser Aufstiegsbewerb auch tatsächlich zur Abwicklung kommt. Das letzte Wort über den neuen Meisterschaftsbewerb in der Oberklasse wird das Reichsfachamt sprechen. Falls sich dieses bewegen lässt, den Abstieg des Wiener Sportklubs zu sistieren, würde nur die Admira als Meister der 1. Klasse neu in die Oberklasse kommen.“

 

Am 17.08.1944 schrieben die „Wiener Neuesten Nachrichten“: „Die Wiener Fußballanhänger beschäftigen sich mit der Frage, wann die Wiener Gaumeisterschaft beginnen wird und wie die Wiener Fußball-Gauklasse aussehen wird. Es ist beabsichtigt, mit den Punktekämpfen am letzten August-Sonntag, also am 27.d.M. anzufangen, vorausgesetzt, dass bis zu diesem Termin die Teilnehmer an der Gauklassen-Meisterschaft feststehen. Der Gaufachwart hat seine Vorschläge dem Reichsfachamt unterbreitet und erwartet nun Bescheid. Wie diese Vorschläge aussehen, darüber kann vorläufig nichts gesagt werden. Fest steht nur, dass die Wiener Gauklasse zehn Mannschaften umfassen wird. Der Wiener Sportklub hofft, in der Oberklasse bleiben zu können, der LSV Markersdorf vereinigte sich mit dem LSV Wien, zweifellos zu dem Zweck, um an der Wiener Gaumeisterschaft teilnehmen zu können. Mit dem Einzug der Admira wird gerechnet, aber auch Rapid-Oberla hofft nun, zum Zuge zu kommen. Das sind alles noch ungeklärte Fragen, die aber in Bälde entschieden sein werden, sodass das Wiener Fußballvolk nicht mehr lang auf die Folter gespannt sein wird.“

 

Der Kleinen Kriegszeitung konnte man am 05.09.1944 unter dem Titel „Regelung der Gauklassenfrage“ folgendes entnehmen: „Der Reichsfachamtsleiter Fußball im NSRL hat die Anträge des Sportbereiches Berlin-Mark Brandenburg auf Zulassung eines 13. Vereines zur Gauklasse und den des Sportgaues Wien auf Zulassung des LSV Wien-Markersdorf  als 11. Verein der obersten Spielklasse abgelehnt. Nach dem Wortlaut dieser Meldung würde also im nun beginnenden Spieljahr die Wiener Gauklasse endgültig aus zehn Vereinen bestehen, bisher war man der Meinung, dass es sich nur darum handle, ob Rapid-Oberlaa oder der Wiener Sportklub in der obersten Klasse spielen würden. Von den Luftwaffensportlern war bisher in diesem Zusammenhang nicht die Rede. Im Laufe dieser Woche soll nun auch diese letzte Frage endgültig gelöst werden. ....“

Wie in dem eingangs wiedergegebenen Auszug aus der WSC-Chronik der Kriegsjahre dargestellt, wurde diese Entscheidung schließlich dahingehend getroffen, dass sowohl der Sport-Club als auch Rapid-Oberlaa an der obersten Spielklasse teilnehmen durften. Weder aus den zitierten Pressemitteilungen, noch aus der Chronik ergibt Club-Chronik der Jahre 1940 bis 1945, Herr Ing. Ernst: „ .. um keinem weh zu tun ...“.

Glücklicherweise überlebte der am 26.08.1923 geborene Leopold Heiduschka, der seit dem 24.10.1942 beim FC Wien angemeldet war, die Nazi-Herrschaft. Er spielte nach dem Krieg bei der Hakoah, starb am 14.06.1991 und ist am Zentralfriedhof begraben.

 

Geändert am 12.05.2024